Draft 2020: Die Quarterback-Klasse

Der Draft 2020 rückt unweigerlich näher und dementsprechend habe ich auch mich mit den Prospects der diesjährigen Draft-Klasse beschäftigt. Beginnen möchte ich dabei mit der wichtigsten Position im Football – dem Quarterback. Dabei werden die verschiedenen Spieler in einzelne Tiers eingeteilt, ähnlich wie es einige eventuell auch vom Fantasy Football kennen. Spieler werden, je nach meiner prognostizierten Leistungsfähigkeit und Talent, in die einzelnen Tiers eingeteilt. Innerhalb des Tiers ist die Reihenfolge der Spieler nicht entscheidend, dann trennen die Spieler nur Nuancen. Aus Gründen der Übersicht werde ich die Spieler aber trotzdem mit Rankings versehen.

Transparenz

Ich werde zu jedem Spieler schreiben, welche Tapes ich mir angesehen habe. Im Normalfall habe ich Tapes der Saison 2019 gesehen, sollte dies nicht der Fall sein werde ich es entsprechend vermerken.

Um die Quarterbacks zu bewerten waren mir vor allem wichtig:

  • Genauigkeit
  • Progression-Speed: Wie schnell geht der Spieler durch die einzelnen Reads? Geht der Spieler überhaupt seine Reads?
  • Ball-Placement: Wirft der Quarterback seine Receiver frei? Hat der Quarterback verschiedene Würfe in seinem Repertoire?
  • Verhalten unter Druck: Behält der Spieler bei Druck die nötige Ruhe? Kann er aus der Struktur des Plays ausbrechen? Sieht er wohlmöglich den Blitz schon pre Snap?
  • Athletik: Athletik ist nicht alles, aber das der Quarterback im Zweifelsfall auch mal selbst für ein paar Yards laufen kann war mir schon wichtig. Sollten zwei Spieler gleichauf sein setzt sich bei mir, vor allem in der heutigen NFL, immer der Spieler durch, der auch auf dem Boden eine Gefahr darstellt.
  • Fußarbeit und Wurfmechanik: Die beiden Disziplinen nehmen bei mir einen etwas kleineren Stellenwert ein. Sollte eine Wurf mechanisch schlecht aussehen, aber der Quarterback ist damit sehr genau ist das für mich zu übersehen. Sind aber Accuracy-Probleme durch schlechte Arbeit mit den Füßen oder in der Mechanik begründet sollte das bemerkt werden.

Sollte es zu Aktualisierungen kommen (weitere Spieler, neue Tapes geschaut, Notizen hinzugefügt etc.) werde ich dies im Kopf des Textes vermerken. Bei Fragen, Kritik und Anregungen freue ich mich sehr auf den Austausch in den sozialen Medien.


Tier 1 – Stars der Klasse 

1. Joe Burrow, LSU

Mein QB1 des 2020er Draft kann nur einer sein: Joe Burrow. Das ist keine Überraschung, aber das war nach der Saison auch nicht anders zu bewerten. Der amtierende Heisman-Trophy-Gewinner bringt so ziemlich alles mit, was du als Quarterback benötigst. Herausragend war seine Genauigkeit, eine Eigenschaft bei der man in der NFL meist keine großen Sprünge mehr erwartet. Umso wichtiger, dass Burrow auf dem College-Niveau hier vor allem in der Kurz- und Mitteldistanz sehr genau war. Er bedient mit seinem Wurf gerne enge Fenster, die er in großer Regelmäßigkeit trifft. Was seine Entscheidungsfindung abrundet ist sein natürliches Gespür dafür, wann er trotz mittelmäßiger Athletik doch selbst zum Lauf ansetzt und die nötigen Yards für ein First Down erläuft. Burrow gerät so gut wie nie in Panik und selbst wenn der Druck immer größer wird gelingt es ihm, außerhalb der Struktur Plays zu kreieren. Das wäre nicht möglich, wenn er nicht auch aus dem Lauf ausreichend genau wäre. Die größten Schwächen bei Burrow sehe ich in der limitierten Wurfstärke und, daraus resultierend, seine Ungenauigkeit bei tiefen Bällen. Alles in allem ist Burrow aber ein Prospect, auf den sich sein zukünftiges Franchise freuen dürfte.

Gesehene Spiele: Alabama, Florida, Auburn, Oklahoma, Texas, Vanderbilt

2. Tua Tagovailoa, Alabama

Sportlich einer der besten Prospects, lange Zeit war für mich die Gesundheit von Tagovailoa das riesige Fragezeichen hinter ihm. Nach einer schweren Hüftverletzung, die das vorzeitige Saisonaus bedeutete und vor allem die Spekulationen um die Schwere der Verletzung wusste man nicht so recht, was man mit ihm anfangen sollte. Während des Combine, bei dem er nicht aktiv partizipierte, aber die Interviews und in seinem Fall viel wichtiger die medizinische Untersuchungen absolvierte brachten Licht ins Dunkle: Keine bleibenden Schäden, ein guter Heilungsverlauf – Der Draft kann für Tagovailoa kommen.

Tagovailoa hat einen schnellen Release und Armstärke, die beispielsweise einem Burrow abgeht. Dabei wirft Tagovailoa auch einen schönen tiefen Ball, ist dort genau. Tagovailoa hat einen hohen Processing-Speed, geht schnell durch seine Reads und ist sehr athletisch, kann auch über den Boden eine Gefahr sein. Tua scheut nicht das Risiko: Das kommt ihm immer mal wieder zu Gute, kann aber auch in kostspieligen Interceptions enden. Weiterhin fällt es mir schwer, große Fehler bei Tagovailoa zu finden.

Wäre ohne die Verletzungshistorie Tagovailoa meine Nummer 1? Das ist müßig und Spekulation. Viel mehr glaube ich, dass das abschließende Ranking der Quarterbacks auf den Draft-Boards eine Frage der Philosophie sein wird, ob man nun auf den sehr genauen Pocket-Passer setzt (Burrow) oder etwas mehr Athletik, einen besseren Deep Ball setzt (Tagovailoa).

Gesehene Spiele: South Carolina, LSU, New Mexico St., Tennessee

Tier 2 – Starter-Potenzial

3. Justin Herbert, Oregon

Schaut man sich Herbert an sieht man den Prototyp eines Quarterbacks der letzten Jahrzehnte: 1,98 m groß, 108 Kilogramm schwer. Sodass er auch brav über die Offensive Line schauen kann. Nun aber wieder sachlich: Herbert hat es in der Offense der Oregon Ducks nicht immer leicht großartig zu glänzen, zu Basic ist die offensive Ausrichtung des Teams. Viele Screens und kurze Pässe sind hier häufig im Play-Sheet des Offense Coordinators zu finden. Herbert besticht hier aber durch eine große Zuverlässigkeit, agiert sehr genau. Er wirft selbstbewusst in enge Fenster, bleibt unter Druck meist ruhig und wird auch wenn der Verteidiger nah an ihm dran ist und mit dem Wissen, dass er gleich den Hit kassieren wird, den Ball los. Als Scrambler ist Herbert unterschätzt, verlängert so die Spielzüge und kann auch ohne guten Stand werfen. Vor allem sein Tape m Spiel gegen Utah im PAC-12-Championship-Game stach dabei heraus. Man hatte das Gefühl, dass er hier von der Leine gelassen wurde, da er hier vermehrt auch selbst lief. Auch seine tiefen Pässe waren in diesem Spiel häufiger zu sehen, wenn auch nicht immer genau.

Die größte Schwäche von Herbert ist unter dem Strich aber dann doch tatsächlich der tiefe Ball. Ab und an hat Herbert auch eine Gunslinger-Mentalität, die bei ihm aber nicht so stark ausgeprägt ist wie bei anderen Spielern der Klasse. Ein Beispiel: Im Spiel gegen Cal wirft Herbert den Ball mit einer Wucht Richtung Receiver, ist dabei aber auch noch ungenau. Das Play endet in einer Interception. Der Receiver hatte nie eine Chance, den Ball zu fangen.

Im letzten Jahr wurde Herbert noch als Nummer 1 gehandelt. Die Entscheidung noch ein Jahr ans College zu gehen kostet ihm diesen vermeintlichen Spot als Frontrunner in der Quarterback-Klasse, Tagovailoa und Burrow haben einfach stärker gespielt. Macht das Herbert nun zu einem bedeutend schlechteren Prospect als die beiden genannten? Mitnichten. In einer guten Umgebung bei einem gut geführten Franchise hat Herbert die Chance, ein sehr produktiver NFL-Starter zu werden. Das kann man auch vermutlich über noch viele weitere Spieler m Draft sagen, bei Herbert sehe ich die Chancen aber als besonders groß ein.

Gesehene Spiele: Utah (PAC-12-Championship), Auburn, Washington, Colorado, Cal

4. Jordan Love, Utah State

Jordan Love ist eines der spektakulärsten Spieler, die diese Klasse zu bieten hat. Love bringt viele Anlagen mit, die ihn zu einem sehr spannenden Prospect machen und damit zu meiner Nummer 4. Er verfügt über eine herausragende Athletik, diese macht sich durch seine Qualitäten als Läufer, Scrambler und seinem starken Arm bemerkbar. Aus dem Lauf ist Love nicht nur in der Lage, die Plays zu verlängern, sondern ist dabei oft auch absurd genau. In einer sauberen Pocket wirft Love genau und hat dabei auch eine gute Wurfmechanik. Daraus resultierend kann Love dann auch gutes Ball-Placement vorweisen: Im Spiel gegen BYU beispielsweise bedient Love seine Receiver zuverlässig in Slants, Outisde und mit dem tiefen Ball. Und obwohl Love keine wirklich gute Unterstützung seiner Receiver hat so sieht man, wo es für Love hingehen könnte.

Love ist als Talent aber noch sehr roh. Ein Beleg dafür ist seine hohe Anzahl Interceptions (17), die damit auch die höchste Anzahl seiner College-Karriere ist (davor in zwei Jahren jeweils 6 Interceptions). Dabei macht Love viele Fehler, aber ein genaues Muster in seinen Fehler ist schwer auszumachen. Mal wirft er aus schlechtem Stand schlicht zu kurz und der Verteidiger hat leichtes Spiel, ein anderes Mal wirft er einfach leichtfertig in die Arme des Verteidigers, ein weiteres Mal starrt er seinen Receiver bei einer Out-Route so lange an, bis auch der schlechteste Verteidiger das Play und die Route lesen konnte und sein Pass wird dann folgerichtig vom Verteidiger abgefangen und zum Touchdown in die Endzone getragen. Ein Fehlermuster habe ich aber ausgemacht: Love hat große Probleme, Verteidiger die Underneath platziert sind zu sehen. Dies endet dann in Interceptions oder Incompletions.

Love wird auf dem nächsten Level noch einiges an Feinschliff benötigen, wahrscheinlich ist das er erst einmal auf der Bank Platz nehmen wird. Drehen die Coaches bei ihm aber an den richtigen Stellschrauben hat man hier einen möglichen Franchise-Quarterback für die Zukunft.

Gesehene Spiele: LSU, Kent State, Nevada, Wake Forest, BYU, Colorado State

5. Jalen Hurts, Oklahoma

Jalen Hurts bringt eine Menge Erfahrung als Starter mit, startete in vier Jahren am College in 56 Spielen. Die ersten drei Jahre am College spielte er für Alabama, im Senior Year wechselte Hurts dann nach Oklahoma. Hurts ist ein sehr genauer Quarterback, konnte in seinen letzten beiden Jahren 73% und 70% seiner Würfe an den Mann bringen, eine sehr gute Quote. Unterstützung hat er dabei vor allem von Wide Receiver CeeDee Lamb, der als Erstrundenpick gehandelt ist. Doch Hurts wirft auch einen guten tiefen Ball, hat ein gutes Ball-Placement (beispielsweise an die Seitenlinie). Eine seiner größten Stärken ist aber seine Gefahr als Runner. Hier erzielte er in seinem Senior Jahr sage und schreibe 21 Touchdowns und lief für fast 1300 Yards! Eine Umschulung zum Running Back, was bei solchen Prospects leider immer wieder auftaucht, sollte trotzdem kein Thema sein.

Das Problem bei Hurts sehe ich aber auch darin, dass Hurts nicht durch seine verschiedenen Reads geht, sondern wenn die erste Anspielstation nicht frei ist er sich auf seine Beine verlässt und selbst läuft, sich dadurch selbst einiger Chancen beraubt. Wirft Hurts aus unsicherem Stand leidet seine Genauigkeit stark darunter. Außerdem hat er Probleme damit, Pressure zu erkennen und auch zu spüren. Ihm fehlt es an der inneren Uhr, wann der Druck auch von der Blindside kommen könnte oder läuft auch gerne selbst in den Druck hinein.

Bei Hurts habe ich das Gefühl, dass weniger Entwicklungspotenzial als beispielsweise bei einem Jordan Love vorhanden ist. Er hat aber NFL-Potenzial, dabei müssen ihm aber bestimmte Dinge eingetrichtert werden, ganz oben würden bei mir das Abstellen der Flucht aus der Pocket und das Durchgehen durch die jeweiligen Reads stehen.

Gesehene Spiele: LSU, Iowa State, Baylor (Big 12 Championship), Kansas State

6. Jake Fromm, Georgia

Auch der nächste Quarterback in meiner Liste verfügt über reichlich Erfahrung als Starter. Die Rede ist von Jake Fromm, dem Quarterback der Georgia Bulldogs. Fromm ist ein Quarterback der alten Schule – ein Pocket-Passer, der athletisch sehr limitiert ist. Die Defizite gleicht er durch eine gute Pocket-Awareness aus, das heißt: er bewegt sich gut in der Pocket, kann diese manipulieren und durch kleine, schnelle Schritte dem Druck entkommen. Besonders aufgefallen sind mir Fromms Pässe an nah an die Seitenlinie. Ein anspruchsvoller Wurf, der ihm vergleichsweise häufig gelang. Fromm ist schnell in seinen Reads, geht diese schnell durch und ist nicht auf sein erstes potenzielles Ziel festgelegt. Allgemein kann man Fromm als mental stark bezeichnen.

Fromm muss aber lernen, sich nicht zu lange bei seinen Reads aufhalten zu lassen. Hier zögert er gerne, nimmt dann auch den ein oder anderen Sack in Kauf. Auch in seiner Wurfstärke ist Fromm limitiert. Sequenzen wie aus dem Opening Drive gegen Georgia Tech zeigen Fromms Schwächen eindrucksvoll auf –  Hier wirft er erst bei einem Screen-Pass in den Verteidiger, dann in ein zu enges, kaum vorhandenes Fenster und beim dritten Wurf dann folgerichtig die Interception. Hier muss er dringend nachlegen.

Gesehene Spiele: Georgia Tech, Auburn, Missouri, Florida, Kentucky, South Carolina, Notre Dame

Tier 3 – Feinschliff nötig

7. Jacob Eason, Washington

Kommen wir zu dem typischen Gunslinger der Draft-Klasse, dem Washington Husky Jacob Eason. Eason besticht vor allem durch das, was einen Gunslinger ausmacht: einem unfassbar starken Arm. Sein Tape ist so spaßig wie verheerend. Eason kann mit seinem Arm so gut wie jeden Wurf machen und das nicht nur mit voller Wurfstärke, sondern auch wenn es die Situation nötig macht mit einem gewissen Touch auf dem Ball. Er sucht enge Fenster, die er auch trifft. Problematisch wird es, wenn Eason sich übernimmt und dann in die zu enge Deckungen wirft. Das geht mal gut, dann ist das Resultat des Plays eine atemberaubende Completion in beispielsweise Triple-Coverage. Ist der Wurf nur etwas ungenau hat solch ein Wurf dann die Interception zur Folge. Da ich grad die Ungenauigkeit anspreche: Diese ist ein Manko bei Eason. Er verlässt sich sehr auf seinen starken Arm und vernachlässigt dadurch die Wurfmechaniken. Seine Beinarbeit ist definitiv ausbaufähig. Und sein Gefühl in der Pocket für Pressure ist definitiv auch weiter zu verbessern. Um das Ganze aber positiv abzuschließen: Erkennt Eason frühzeitig einen Blitz (zum Beispiel einen Corner im Spiel gegen Washington State) und das im Idealfall Pre-Snap wird Eason den Ball unglaublich schnell los. Das impliziert einen höheren Football-IQ als man ihm eventuell zugestehen möchte, wenn man manche seiner Entscheidungen auf dem Spielfeld gesehen hat.

Jacob Eason verfügt über eine Menge physischer und mentaler Tools, um in der NFL durchzustarten. Hier ist aber auch viel und gutes Coaching notwendig. Eine Reservistenrolle ist zu Beginn seiner Karriere noch mehr als wahrscheinlich und ob er über die Rolle des Backups hinaus kommt darf bezweifelt werden. Ich würde ihn aber zu einem geeigneten Zeitpunkt (ab Runde 3) im Draft picken und dann schauen, wie sich der Spieler in meinem Team entwickelt. Auch wenn hier noch vieles im Argen liegt so ist Eason für mich in diesem Tier aber auch der Spieler, der am ehesten noch eine sehr gute Rolle in der NFL spielen könnte.

Gesehene Spiele: Washington State, Boise State, Arizona, Utah, Oregon

8. Tyler Huntley, Utah

Tyler Huntley bringt ein umfassendes athletisches Fundament mit. Schnell, wendig. Problem bei Quarterbacks dieser Art ist immer wieder, dass sich zu sehr auf die Athletik verlassen wird. Auch das trifft bei Huntley wieder zu, der aber auch hinter einer zugegeben schwachen Offensive Line agieren musste. War nur der kleinste Hauch von Pressure zu spüren versucht Huntley sein wertvollstes Asset zu benutzen – seine Beine. Und das nicht, um geschickt in der Pocket zu agieren, sondern um die Flucht nach vorne anzutreten und selbst zu laufen. Und leider fehlt Huntley in diesen Situation oft die Cleverness, Hits so gut es geht zu vermeiden. Oft läuft er hier risikoreich.

Huntley hat aber auch eine Menge guter Eigenschaften und sein Tape einer der unterhaltsamen Sorte. Neben der ausreichend besprochenen Athletik verfügt Huntley über ein solides Ball-Placement und beherrscht verschiedene Wurfvariationen und steppt vernünftig in seine Würfe. Das gepaart mit der Fähigkeit selbst zu laufen kann Huntley zu einem interessanten Prospect machen. Huntley ist aber noch sehr roh, bedarf einiges an Entwicklung. Ob es jemals zu einem Starter-Spot in der NFL reicht? Zu dem Zeitpunkt in dem Huntley mutmaßlich gezogen wird eher unwahrscheinlich als wahrscheinlich.

Gesehene Spiele: USC, BYU, Oregon

Tier 4 – Late-Round-Longshots

9.  Cole McDonald, Hawaii

Cole McDonald – Ein Gunslinger wie er im Buche steht. McDonald beim Football spielen zu zuschauen ist vor allem als neutraler Zuschauer pure Unterhaltung. McDonald wirft einen herausragenden Deep-Ball, der immer wieder und zuverlässig seine Ziele findet. Was ich McDonald hoch anrechne ist, dass er nicht immer den ersten Read forciert, wie man es bei einem Gunslinger doch erwartet. Er ist auch bei kurzen Pässen genau, die tiefen Pässe habe ich bereits angesprochen. Wie McDonald die mittlere Distanz bedient ist schlicht nicht zu sagen – anscheinend sind diese Würfe in der Hawaii-Offense so gut wie nicht vorgesehen. McDonald fühlt sich auch außerhalb der Pocket wohl und ist bei Scrambles positiv aufgefallen.

All die guten Eigenschaften eines Gunslingers und von McDonald sind nun ausreichend erwähnt. Zu den Schwächen: McDonald wirft immer nur mit einer Wurfstärke, überspitzt gesagt feuert er bei jedem einzelnen Wurf den Ball in hoher Geschwindigkeit auf seine Receiver. Resultat im Spiel gegen Arizona ist eine Interception, die von seinem Receiver nach oben getippt wird und dann vom Verteidiger zur Interception gefangen wird. Das mag Zufall sein, seine Wurfstärke legt das aber nahe. Seine Genauigkeit ist in sehr enge Fenster ein Problem – die Würfe, die gerne auch als “NFL-Throws” bezeichnet werden.

McDonald führt zwar Tier 4 an, eine bedeutende Rolle wird in der NFL aber mehr als schwierig für ihn.

Gesehene Spiele: Boise State, Arizona, BYU

10. Brian Lewerke, Michigan State

Solide – Das Wort, was für mich Lewerke perfekt beschreibt. Lewerke ist in vielen Disziplinen solide: Geht durch die Reads, ist ausreichend akkurat, weicht Druck aus und wird den Ball schnell los. Ein Game-Manager wie er im Buche steht. Das Problem bei Lewerke ist, dass er in keiner Disziplin wirklich gut ist. Lewerke ist dann zu oft für einen Quarterback für höhere Ansprüche zu ungenau. Nur bei festem Stand ist er genau, muss Lewerke etwas “Off-Foot” werfen werden die Bälle sehr ungenau. Was mich aber noch mehr stört: Lewerke geht kein Risiko. Und dabei ist es mir nicht wichtig, dass ein Quarterback wie etwas Jacob Eason immer und immer wieder ein großes Risiko eingeht, nur muss ein Spieler für mich auch mal gewisse Risiken eingehen. Und das habe ich bei Lewerke eigentlich gar nicht gesehen. Risikoavers, keine Plays außerhalb der Struktur gepaart mit einer durchschnittlichen Athletik… Mir fehlt da einfach die Fantasie, als das Lewerke in der NFL über die Rolle des Backups hinaus kommt.

Gesehene Spiele: Wake Forest, Wisconsin, Ohio State, Western Michigan, Arizona State

11. Anthony Gordon, Washington State

Anthony Gordon kommt aus einer Air-Raid-Offense unter Mike Leach. Die Offense stellt das Passing Game extrem in den Vordergrund. Deshalb sollte man sich von der absurd hohen Zahl Passing Yards, die Gordon geworfen hat, nicht beeindrucken lassen. Gordon hat in dieser Offense die größtmögliche Anzahl an Passing-Attempts.

Die sich eröffnenden Möglichkeiten zu nutzen – das ist die Aufgabe eines Quarterbacks. Und Gordon hat einige Würfe, die ihn äußerst interessant machen. Gordon geht diszipliniert durch seine Reads, seine Progression ist dabei mit das schnellste was ich in dieser Klasse gesehen habe. Die Augen sind immer Downfield gerichtet, Gordon ist auch bereit ein gewisses Risiko bei seinen Würfen zu gehen – eine Eigenschaft die ich ihm auf jeden Fall positiv anrechne. Dabei kann viele verschiedene Würfe seine Eigen nennen: Sidearm, Shuffle, Deep Ball… Gordon attackiert die gegnerischen Verteidigungen durchaus variantenreich.

Nun aber zu Gordons Schwächen. Sein Pocket-Verhalten, wenn man es überhaupt als solches bezeichnen kann, ist für NFL-Verhältnisse eine Frechheit. Gordon steht (und mit stehen meine ich stehen) in der Pocket. Keine Beinarbeit, keine Bewegung. Und geht durch seine Reads. Dabei offenbart Gordon auch immer wieder Schwächen in seiner Wurfmechanik. Es wirkt immer so, als würde Gordon auf dem Sportplatz mit seinen Freunden Football spielen. Und trotz der guten Statistiken ist Gordon für mich ein Quarterback in dieser Klasse, dem ich einfach nicht vertraue. Dazu sind seine Schwächen, trotz einiger Highlight-Plays, zu offensichtlich.

Gesehene Spiele: Houston, Oregon, Washington

Tier 5 – Undrafted

12. James Morgan, FIU

James Morgan – Die Ruhe in Person. Oder in der Pocket. Hier agiert Morgan die meiste Zeit sehr ruhig und umsichtig. Er wird öfter als ich beim ersten Betrachten seiner Statur dachte auch bei Option-Plays eingesetzt. Er variiert seine Würfe, hat ein überraschend gutes Ball-Placement, bedient dabei auch die engeren Fenster.

Morgan geht jedoch nicht voll in seine Würfe. Seine Mechaniken sind teilweise mangelhaft und trotz Einsatz in Option-Plays ist Morgan ein durchschnittlicher Athlet. Leider ist er auch sehr ungenau: er kam nur in einer seiner fünf Saison auf eine Completion-Percentage von über 65%.

Eine unterdurchschnittliche Genauigkeit und seine fünf Jahre am College lassen mich Morgan so tief graden, obwohl in meinen Notizen wenige schlechte Einträge gemacht wurden. Warum ist das so? Bei Quarterbacks sucht man immer nach dem Besonderem. Bei Morgan sehe ich, wie so oft in dieser Klasse, nur solides. Und auch wenn Morgan keinen guten Supporting-Cast um sich herum scharrt, da er beim FIU bei einem eher kleineren Programm spielt, so wackelte Morgan schon hier teilweise. Wie soll das dann gegen bessere Verteidigungen in der NFL  aussehen? Die Chance das zu zeigen wird Morgan mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bekommen.

Gesehene Spiele: LA Tech, Arkansas State, Miami, Tulane

13. Shea Patterson, Michigan

Als Michigan-Sympathisant fällt mir diese Platzierung besonders schwer. Patterson schafft es bei mir nur auf Rang 13 von 15 im Quarterback-Ranking. Der einstige Five-Star-Recruit konnte in der Saison 2019 keine besondere Leistung für Michigan abliefern. 2018 wechselte Patterson die Universität – nach zwei Jahren an der Ole Miss ging es zu den Michigan Wolverines. In zwei Jahren spielte er jeweils 13 Spiele, seine Touchdown-Ratio von 45 Touchdowns zu 15 Interceptions ist auf dem Papier auch durchaus vertretbar. Der Heilsbringer, den sich Michigan-Headcoach Jim Harbaugh von ihm versprach, war Patterson aber nicht. Was mich beim Betrachten der Statistiken sofort abschreckt: Seine Genaugkeit, die im Jahr 2018 nicht besonders hoch war (64,6% angekommene Pässe) sank im Jahr 2019 auf 56,2%. Mit dem Wissen, dass die Genauigkeit vom Sprung vom College in die NFL selten Sprünge nach oben macht ist dies für mich fast eine Red Flag.

Zum Tape: Patterson eine bessere Athletik als ich erwartet hatte, war auf Tape sehr gut zu Fuß unterwegs und ist damit potenziell auch, in einzelnen Situationen, als Runner gut einsetzbar. Sein Pocket-Movement ist in Ordnung, seine Erkennung vom Blitz auch. Wie bei vielen Quarterbacks schmeichelt ihm das Play-Action-Passspiel sehr, in diesen Situationen hat er immer wieder gute Plays wie zum Beispiel im Spiel gegen Michigan State, sein wohl bestes Tape des gesamten Jahres. Im Spiel gegen Penn State macht Patterson ein Play, was es für mich wert war es detailliert aufzuschreiben, da es auch außerhalb der Struktur des Plays stattfindet: Patterson rollt zuerst raus, muss dann aber gezwungenermaßen gegen seine Körperbewegung werfen und wirft dabei eine herausragende Completion auf seinen Receiver. Die Frage die man sich stellt: Warum nicht öfter?

Denn sonst versanden viele seiner Plays unter ferner liefen. Patterson macht sich mit vielen einfachen Ungenauigkeiten das Leben selber schwer. Sein Wurfarm und seine Armstärke sind als begrenzt zu bezeichnen, dadurch ergeben sich Ungenauigkeiten bei tiefen Bällen und zu wenig Zip auf dem Ball bei Bällen an die Seitenlinie. Patterson braucht klare Reads und das macht ihn berechenbar. Seine Entscheidungsfindung ist daher als mangelhaft zu bezeichnen. Beispiel Penn State-Game: Patterson wirft dabei eine Interception einen schon vor dem Play misslungenen Screen. Eine Szene, die ich so in dieser Art bisher noch nicht so häufig gesehen habe.

Patterson ist für mich in der Verfassung kein Draft-Pick wert – zu viele Probleme und Fragezeichen, die sich beheben lassen könnten (Entscheidungsfindung, das Ermöglichen einfacher Reads und bessere Mechaniken), aber auch viele Dinge, die vermutlich nicht mehr behebbar sind (Wurfarm, Genauigkeit). Unter dem Strich ist Patterson für die NFL nicht gut genug.

Gesehene Spiele: Iowa, Penn State, Michigan State

14. Bryce Perkins, Virginia

Etwas geblendet von Perkins gutem Bowl-Tape gegen Florida hatte ich Perkins erst höher im Ranking. Nach etwas Überlegung und in Vergleich mit den anderen Spielern der Klasse sank er quasi von Spieler zu Spieler immer weiter. Perkins ist ein hervorragender Athlet, der als Dual-Threat ziemlich Spaß macht. Dabei wirft er gegen Florida einen schönen Deep-Ball zum Touchdown, wirft gegen die Laufrichtung zielgenau auf seine Receiver, wirft ohne festen Stand zum Touchdown. Fast zu schön um wahr zu sein. Wie aber immer bei Athleten: Perkins läuft schlicht zu viel selbst. Ob das ein Produkt seiner schlechten Offensive Line ist, das möchte ich ihm noch lassen. Aber auch sein gutes Spiel gegen Florida, maßgeblich für sein erst höheres Ranking verantwortlich, konnte er weiter nicht mehr bestätigen. Dabei gehen ihm grundlegende Wurfmechaniken ab und seine Ungenauigkeit wird zu großen Teilen daraus resultieren.

Spaß macht Perkins sicherlich, in der NFL wird er aber mit seinem Spielstil massive Probleme haben. Und deshalb ist er mich ein weiterer Undrafted Rookie.

Gesehene Spiele: Florida, Florida State, Pittsburgh

15. Steven Montez, Colorado

Beim für mich schlechtesten Quarterback fällt es mir schwer, überhaupt viel zu schreiben. Montez Mechanics sind in Ordnung auch bei ihm steht in meinen Notizen wieder häufig das Wort “solide”. Montez hat ein gutes Ball-Placement. Aber sonst? Montez trifft sind seine Receiver in den Tapes auch mal aus einem Rollout zum Touchdown oder wirft den ein oder anderen anständigen Ball an die Seitenlinie. Dafür wirft er gegen Oregon aber auch einige wirklich ganz einfache Interception über die Mitte, einfacher kann man einem Verteidiger kaum eine Interception ermöglichen. Montez ist für mich ganz klar ein Undrafted Free Agent, der bestimmt ein Camp der NFL mitmachen wird, aber selbst den Sprung in einen Practice Squad sehe ich für ihn nicht.

Gesehene Spiele: Utah, Oregon, Colorado State


Wenn ihr es bis hierhin geschafft habt: Vielen Dank!

Es ist das erste Mal, dass ich komplette Positionsgruppen anschaue, ranke, bewerte und in Schriftform veröffentliche. Auch ich werde im weiteren Verlauf der Zeit vielleicht noch mein Ranking oder meine Form der Darstellung umstellen, mich noch finden. Daher gerne auch nochmal der Aufruf: Feedback, Kritik, Wünsche und natürlich auch inhaltliche Anmerkungen immer sehr gerne via Social Media direkt an mich!

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