Fantasy Football: Zero-RB – und was dagegen spricht

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Immer wieder bin ich in Vorbereitung auf meine Fantasy-Drafts auf eine auf den ersten Blick interessante Draft-Strategie gestoßen: Zero-RB. In einer Fantasy-Welt, in der Running Backs noch immer zu den wertvollsten Assets zählen ist ein zuverlässiger Punktelieferant auf dieser Position immer noch der Schlüssel zum Erfolg. Das Problem hierbei ist aber, dass immer mehr Teams zum RBBC (Running Back by Comittee) übergehen – das bedeutet das die Last der Carries auf mehrere Spieler aufgeteilt wird um Belastung von den Spielern zu nehmen, die Spieler mehr in Plays einzusetzen, die ihnen schmeicheln oder einfach dem formstärksten Spieler am Spieltag den Ball öfter in die Hand drücken.

Deshalb sind Teams mit einem RBBC zu vermeiden. Das prominenteste Beispiel dürfte dafür das Backfield der San Francisco 49ers in der vergangenen Saison sein. Gefühlt jede Woche stand ein anderer Running Back im Fokus und hat das Laufspiel des Teams aus Santa Clara getragen – ein wahrer Albtraum für jeden Fantasy-GM. Um hier immer richtig aufzustellen müsstest du das gesamte 49ers-Backfield in deinem Roster haben und dann Woche für Woche auch noch den Spieler wählen, der diese Woche glänzen wird. Diese Aufgabe sollte sich als eine schier unmögliche erweisen.

Zur Strategie

Die Grundlage der Zero-RB-Strategie ist die, dass nicht wie sonst üblich in den ersten Runden ein Running Back ausgewählt wird, sondern das man mit der Auswahl eines Running Backs bis in die mittleren Runden wartet. In den ersten Runden wird das Team mit zuverlässigen Wide Receivern oder je nach Scoring-Format mit Quarterbacks oder Tight Ends voll geladen. Das sind in der Regel Spieler, die nicht in jedem Spielzug harten und oft auch schmerzhaften Kontakt mit den Verteidigern einstecken müssen und grundsätzlich als weniger anfällig für Verletzungen gelten.

In den mittleren Runden (bei einer 12er-Liga würde ich spätestens ab Runde 6 den ersten Running Back ins Team holen) werden Spieler mit einer gewissen Upside geholt. Wie so oft geht es bei der Strategie, wie fast immer im Fantasy Football, den meisten Value zu erhalten. Hier sind alle Spieler interessant, die eine Chance auf die Rolle des Lead-Back haben oder vor allem in PPR- oder HPPR-Formaten ein so großer Faktor im Passspiel eines Teams sind, dass sie alleine durch ihre Receptions einen gewissen Floor an Punkten Woche für Woche erzielen. Beispiele sind hierfür Spieler wie Tarik Cohen, Austin Ekeler und James White, die nicht die Lead-Backs ihrer jeweiligen Teams waren, durch ihre Anzahl an Receptions aber immer wieder zuverlässig Punkte gesammelt haben.

Es wäre auch möglich mit einem einem weiteren Pick in den späteren Runden einen Handcuff ins Roster zu holen. Ein Handcuff-Running-Back ist ein Backup eines Lead-Backs, der kaum Snaps sehen wird, solange der Starter spielt. Das heißt aber auch, dass das jeweilige Team eine klare #1 im Team hat. Fällt der Starter aus oder – wie aktuell leider im Trend – streikt er ist der Handcuff der Spieler, der die Rolle des Starter eins zu eins ausfüllt. Hier kommen wir nun in den Bereich, in dem man auf einen Ausfall hoffen muss, daher empfiehlt es sich hier die Augen auf die eher verletzungsanfälligen Backs zu werfen. Dalvin Cook beispielsweise gilt als anfälliger Spieler und hat mit Alexander Mattison einen talentierten Backup, der sogar Value haben sollte ,wenn Cook fit ist. Ein weiteres gutes Beispiel für einen produktiven Handcuff ist Latavius Murray, der in den vergangenen zwei Jahren Alvin Kamara nahezu komplett ersetzen konnte, wenn er ausfiel. Verletzt sich die #1 in einem Backfield schwer und du hast dir für wenig Draft-Kapital den Ersatz ins Team geholt kann das für dich ein potenzieller League-Winner sein.

Die Krux an Zero-RB

Wie bereits angesprochen geht der Trend zum RBBC. Und grundsätzlich gilt “Volume kills”. Heißt: Auch ein schlechter Running Back wird dir irgendwann Punkte bringen, sollte er genügend Attempts bekommen. Natürlich hilft es immer, wenn Spieler effizient laufen und die Anzahl der Yards per Attempt sehr hoch ist. Hast du aber einen Workhorse-RB, der über 250 Attempts pro Saison hat und pro Versuch 4,5 Yards erzielt und auf der anderen Seite einen Spieler mit 5,3 Yards per Attempt, der aber dafür nur 133 Mal den Ball bekommt, sollte die Wahl klar auf den Spieler fallen, der mehr Volumen in der Offense bekommt (Die Beispiele hier sind Dalvin Cook und Gus Edwards).

Und um das wertvolle Volumen eines Running Backs zu bekommen ist es quasi unverzichtbar, einen klaren #RB1 im Team zu haben. Den in den späteren Runden zu bekommen wird schwierig und der Faktor Glück ist ungemein höher, wenn man etwa auf Ausfälle der Vorderleute hoffen muss. Und um das Fehlen von im wahrsten Sinne des Wortes tragenden Säulen zu kompensieren müssten deine in ersten Runden gezogenen Spieler (Am Beispiel Wide Receiver) eine enorm hohe Anzahl an Targets, eine enorme Catch-Rate und massig Touchdowns erzielen. Das ist mit einem Spieler wie Michael Thomas sicherlich drin, aber dein #WR2 und dein #WR3 dürfen dann nicht zu sehr abfallen, um die Punkte die sonst ein Running Back erzielt zu machen. Dabei ist die Produktion von Wide Receivern nicht so konstant und leicht vorher zu sehen wie etwa die Carries, die ein klarer Lead-Back bekommen wird. Je nach Gameplan ist es möglich, dass dein Wide Receiver #2 in einer Woche sehr wenig Targets bekommt und dir damit den kompletten Spieltag kosten kann. Vorteil ist aber vor allem für Dynasty-Formate, dass ein Wide Receiver eine längere “Lebensdauer” besitzt als ein Running Back.

Ein Starting-Running-Back gibt dir hier den Vorteil, dass er Woche für Woche Versuche bekommt. Und in den meisten Fällen ist es bei den Stars auf der Position auch so, dass diese Versuche in Yards, Touchdowns und damit wertvolle Fantasy-Punkte umgewandelt werden. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Die Rolle des Starters wird immer wertvoller, denn für mich sind aktuell nur die Spieler klare Leader in ihren Teams:

  • Christian McCaffrey
  • Saquon Barkley
  • Ezekiel Elliott
  • Chris Carson
  • Leonard Fournette
  • Joe Mixon
  • Dalvin Cook
  • Todd Gurley
  • Josh Jacobs
  • David Montgomery
  • Clyde Edwards-Helaire
  • Kenyan Drake
  • Austin Ekeler
  • Derrick Henry
  • Miles Sanders

Eine relativ kleine Auswahl nicht wahr? Für mich sind das die klaren Lead-Backs der Liga. Jetzt kommt aber noch die weitere Auslese durch den Fantasy-Spieler selbst. Denn ich persönlich habe bei Spielern wie Leonard Fournette, Joe Mixon, Derrick Henry, Miles Sanders und David Montgomery große Probleme, diese als ersten oder zweiten Running-Back für mein Team zu wählen. Sowohl in Redraft-Formaten als auch in Dynasty-Ligen. Das hängt mit Touchdown-Regression, Alter des Spielers, schlechter Offense, schlechter Offensive Line oder von allem ein bisschen zusammen und würde hier im Einzelnen den Rahmen sprengen. Was ich heraus arbeiten wollte: Für mich gibt es aktuell nur zehn Spieler, die ich früh als Running Back ziehen würde (bis Runde 3). Die Anzahl an Wide Receivern die ich früh ziehen würde und die auch reelle Chancen haben als Top12-WR die Saison abzuschließen ist um einiges höher (je nach Ranking geht es locker in den zweistelligen Bereich). Hier spricht auch der Trend klar für Wide Receiver: Die NFL spielt immer mehr mit 11-Personnel (3WR) oder experimentiert mit 4-WR-Sets (Blick geht hier Richtung Kliff Kingsbury und die Arizona Cardinals). Es sind in Summe pro Team mindestens zwei Wide Receiver auf dem Feld – was mehr Möglichkeiten eröffnet. Und in PPR-Formaten kann auch ein zuverlässiger Slot-Receiver eine gute Option für dein Line-Up sein.

Das alles bringt mich wieder auf den Ausgangspunkt meiner Kritik an der Zero-RB-Strategie: Lead-Backs bekommen das Volumen, bei Wide Receivern gibt es viele Spieler zu bedienen. Natürlich nimmt in der NFL auch Passing-Volumen immer mehr zu, die Targets können aber volatiler sein als die Carries, die ein Running Back per Spiel bekommt.

Am besten BPA (Best Player Available)

Meine Empfehlung bleibt daher, in den ersten drei Runden im Idealfall zwei starke Running Backs zu draften und eine klare Nummer 1 als Wide Receiver. Dies sollten deine Studs, deine Punktegaranten, für die gesamte Saison sein. Man wird auch hier mal daneben liegen und damit eine Saison mutmaßlich in den Sand setzen, mir wäre es aktuell aber zu riskant ohne zuverlässige Running Backs zu spielen.

Die beste Vorgehensweise bleibt aber wie immer: Reagiert auf den Draft! Fallen euch in den ersten drei Runden drei Wide Receiver vor die Füße, die ihr höher in eurem Ranking habt, dann geht dafür! Geht ihr aus den ersten drei Runden überraschend mit drei guten Running Backs raus, weil ihr an jeder Stelle einen guten Value bekommen habt, dann scheut euch nicht davor eine Position zu überladen – Lücken im Kader können immer noch über die mittleren bis späten Draft-Picks gerettet werden (Wer hatte letztes Jahr Terry McLaurin oder DJ Chark auf dem Zettel?) oder eure Value-Picks werden zu Trade-Material und ihr verstärkt euch so. Das fällt euch deutlich einfacher, wenn ihr immer den besten Spieler auf dem Board gewählt habt und nicht zwanghaft eure vermeintlichen Needs bedient habt.

Tobias

Schreibe über Seattle Seahawks und die NFL. Besondere Liebe zum Fantasy-Football. NFL Draft und Prospect-Fan. Mitglied der German Sea Hawkers e.V.-Redaktion und Ballhawks-Podcast-Rookie.