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Mailbag 4 – Die Zeit nach Pete

Hallo liebe Leser und Leserinnen,

Kaum einer hat es für möglich gehalten, aber dennoch ist es passiert: Pete Carroll ist nicht mehr Trainer der Seattle Seahawks. Äußerte er sich selbst auf der Pressekonferenz nach der Saison, dass er unbedingt das Team weiter trainieren möchte und bekräftigte dies auch noch nach seinem Rausschmiss, so hatte das Front Office bzw. die Ownership rund um Jody Allen andere Pläne.

Ich hatte überlegt einen kleinen Text zu Carroll zu verfassen, aber ich habe das Gefühl, dass dieser ihm nicht gerecht wird. Daher vielleicht ein paar Eindrücke zur Einleitung…

Nicht nur war er der erfolgreichste Head Coach der Seahawks und hat eine der dominantesten Defensiven der NFL-Geschichte aufs Feld gebracht, gewann er auch den ersten Super-Bowl-Ring für das Team aus Seattle. Leider vor meiner Football-Zeit.

Was mich an ihm aber, vor allem zu späterer Zeit seines Schaffens, faszinierte war die Person Carroll. In diesem Alter mit einer derartigen Energie und Leidenschaft am Feld zu stehen, immer seine Spieler in den Vordergrund zu stellen und ihnen den Glauben zu vermitteln, dass sie es schaffen können. Aus Geno Smith machte er einen mehr als passablen NFL-Starter nach einigen Jahren als Back-Up. Drew Lock redete er ein so gut zu sein, dass er keinen Respekt vor dem letztjährigen Super-Bowl-Teilnehmer aus Philadelphia haben muss – nur damit dieser sie im letzten Drive schlug. Und das sind nur die Beispiele aus dieser Saison.

Auch die ganzen Stories und Bilder nach seiner Entlassung und seiner Abschieds-Pressekonferenz: Ein nachdenklicher Geno Smith, ein betroffener Bobby Wagner, Tyler Lockett… Dann die große und spontane Reunion vieler aktueller und ehemaliger Spieler, inklusive einem eigens dafür angereisten Russell Wilson, der wie es klang auch endlich Frieden mit Richard Sherman geschlossen hat.

Diese imposante Rede über seine Frau, die ihn überall hin begleitete oder sein Gedanke an die Familien des Coaching Staffs, die sich neue Jobs suchen müssen. Alles Momente, die mehr über ihn aussagen als das, was ich hier zusammenfassend schreiben könnte.

Und dabei sind hier nicht mal seine alten Stories und seine aufrechte Haltung beschrieben: Das Warten auf Jimmy Graham bis um 3 Uhr nachts vor dem Krankenhaus nach einer erlittenen Verletzung, nur um ihn eine Umarmung zu spenden und alles Gute zu wünschen. Das Thematisieren der Black Lives Matter Bewegung, wofür er einen Trainingstag strich und anschließend eine sehr lange und bewegende Pressekonferenz gab. Und an den Protestmärschen selbst teilnahm.

Sicher hatte er auch Fehler oder falsche Entscheidungen getroffen, vor allem sportlich. Aber das ist nicht mein Thema für diese hoffentlich nicht zu lange Einleitung. Ich bin, so komisch es klingt, dankbar, Carroll so lange als Trainer und einigermaßen gut miterlebt zu haben. Danke, Coach!


Alleine über den “Typ Headcoach” musste ich sehr lange nachdenken. Denn es ist natürlich recht subjektiv, aber ich hätte sehr gerne wieder einen sympathischen Head Coach. Man sollte jetzt nur nicht den Fehler machen und versuchen Carroll zu kopieren, aber ein Coach, der ein positives Bild vermittelt, das Franchise vernünftig repräsentiert. Also ich tendiere immer zum Players Coach, egal welche Hintergründe (Offense, Defense) er hat.

Die Frage nach dem Spielsystem… Ja gut, ich denke hier kann ich auch nur recht platt bleiben. Offensiv war das alte Schema nicht so schlecht wie gemacht wurde, es hakte vor allem auch an mangelnder Anpassungsfähigkeit. Die Defensiv ist für mich, ausnahmsweise, wichtiger. Man braucht dringend Antworten auf die Shanahan- und McVay-Offense – dauerhaft. Wie das dann schematisch und personell aussieht, dafür ist es jetzt viel zu früh. Aber man muss für diese Offensiven Lösungen finden. Man muss den Pass-Rush wirklich mal zu einem Pass-Rush machen. Der Lauf muss konsequenter verteidigt werden. Was das alles im Einzelnen bedeutet lässt sich besser betrachten, wenn wir den Staff vollständig haben. (Die beiden Fragen mal etwas zusammengefasst, da etwas ähnlich)

Ich habe kein bevorzugtes Scheme. Schemes oder Teams sind auch variabler, als man vielleicht meinen möchte. Viel wurde auch immer über die Umstellung der 4-3 auf die 3-4 geredet – obwohl die Seahawks das klammheimlich schon seit mehreren Jahren spielen. Möchte damit nur sagen: Es gibt natürlich Ausrichtungen, aber Teams sind selten stur auf etwas festzunageln.

Die QB-Frage wird sehr interessant werden. Nach den letzten zwei Jahren ist für mich eigentlich klar: Geno ist ein Starter in dieser Liga und sollte das auch nächstes Jahr sein. Nur könnte das Schicksal von Geno enger an Carroll gekoppelt sein als man vielleicht meint.

Carroll hat ihn zum Starter gemacht. Was ist, wenn Geno unter einem anderen Trainer nicht mehr so performt, vielleicht auch weil der Rückhalt fehlt? Dann sind wir evtl. schnell in einem Bridge-QB-Szenario.

Was ich mir weiterhin sehr gut vorstellen könnte wäre, dass sowohl der neue Head Coach als auch John Schneider nun (nach vielen Jahren, in denen Schneider angeblich an mehreren QBs im Draft interessiert war) sich einen eigenen, neuen, jungen QB im Draft picken wollen. Dann ist Geno evtl. schneller auf der Bank als ihm lieb ist oder seine Zeit sehr begrenzt, weil der Rookie auf seinen Einsatz wartet.

Die Hoffnung gibt es immer. Aber den Einfluss von Carroll werden wir frühestens nach dieser Free Agency und dem Draft abschätzen können. Schneider war zwar auch ein starker Mann in Seattle, das letzte Wort hatte aber so weit wir das beurteilen können, immer Carroll.

Schneider sagte soeben auf der PK, dass er volle Kontrolle über das Personal hat. Auch, wenn der neue Head Coach da ist… das ist spannend.

Deswegen kann man da wirklich nur spekulieren. Und zu Aussagen, die auch als Hot Take gelten könnten, möchte ich mich nicht hinreißen lassen.

Mit der Frage bewegen wir uns eigentlich schon sehr nahe an “Wie attraktiv ist der Job als Head Coach bei den Seahawks?”.

Ich denke nämlich recht objektiv, dass die Seahawks ein attraktiver Landing Spot sind. Vor allem in der Offensive ist das Team in vielen Teilen schon sehr gut besetzt und du hast, wenn man an ihm festhalten mag, einen guten Quarterback.

Die Defensive hat einige Lücken. Aber es nicht so, als wäre hier nicht auch etwas Talent vorhanden (Nwosu, Witherspoon, Woolen, Mafe).

Cap-Space gibt es noch nicht viel, aber mit einigen Entlassung, Umstrukturierungen oder auch Verlängerugen von Verträgen lässt sich hier zumindest etwas Spielraum schaffen.

Mit dem aktuellen Roster denke ich, dass man in Seattle einen kleineren Umbruch, Schneider bezeichnet es auch gerne als Retooling, angehen wird.

Gar nicht sicher. Der neue Head Coach hat volle Kontrolle über das neue Trainerteam, wie berichtet wurde. Ich denke man wird keinen einzigen altbekannten im Staff wiederfinden nächste Saison.

Die Frage ist: Wen denn?

Geno Smith wäre unter Umständen interessant, wenn man mit einem neuen QB gehen will. Aber was bekommt man schon für ihn? Vielleicht einen Tag-2-Pick?

DK Metcalf wäre die andere Option, aber das ist ein Spieler, um den du auch aufbauen und planen kannst. Der vielleicht unter einem anderen Head Coach oder mit anderem Coordinator noch besser abliefern könnte. Für mich aber der einzige Spieler, der auch wirklich lohnenswert wäre.

Andere talentierte Spieler sind zuhauf auf Rookie-Verträgen.

Man sollte niemals nie sagen, aber da sehe ich wirklich kein realistisches Szenario, wie man noch Draft-Kapital einsammeln könnte.

Ja!

Seit Jahren spreche ich mich schon aus einen QB zu draften. Es ist die wichtigste Position und selbst wenn ich einen Franchise-QB hätte würde ich relativ regelmäßig einen QB draften. Schauen, wie er sich entwickelt. Eagles und Packers haben es eindrucksvoll vorgemacht.

Daher verstehe ich die Herangehensweise der letzten Jahre nur bedingt. Und wäre man mit der aktuellen Führung in die nächste Saison gegangen, dann wäre der QB-Room mit Geno und Lock für mich gesetzt gewesen.

Durch die gewisse Afffinität von Schneider zu Quarterbacks halte ich den Pick eines Quarterbacks in diesem Jahr für realistischer als zuvor. Wenn auch evtl. später im Draft.

Er hat es aus meiner Sicht mehr als klar gemacht, dass er eigentlich immer noch sehr viel Bock hat.

Und ab jetzt spekuliere oder mache meine beste, gewissenhafteste Prognose für die Zukunft. Ich denke Carroll wird nicht sehr lange der Berater bei den Seahawks sein.

Das Ganze wirkte für mich sowieso recht komisch und mit heißer Nadel gestrickt. Er wurde nach der Saisonanalyse von seinem Job entbunden. Statt das man ihn dann vielleicht nach einigen Wochen oder Monaten zurückholt, bekommt er direkt den Job als Berater. Der Mann, der evtl. einige Stunden zuvor gefeuert wurde.

Als er zu seinem Aufgabenbereich gefragt wurde, kam nur eine schmallipige Antwort “wir finden das noch heraus.”.

Für mich ist das eher eine Maßnahme gewesen, dem verdientesten Trainer der Franchise-Historie das Gesicht zu wahren. Und ich kann mir nicht vorstellen das jemand, der so viel Feuer versprühte, nicht mehr selbst an der Seitenlinie stehen will.

Mich würde es eher wundern, wenn er es nicht tun würde.

Ist er und das ist auch ziemlich indiskutabel. So viel Draft-Kapital und ein dicker Vertrag für vor allem zuletzt sehr überschaubarer Production.

Für mich war und ist er ein klarer Cut-Kandidat, auch wenn man nur wenig Geld einspart. Jetzt unter einem neuem Trainer… Würde ich das Ganze nochmal abwarten wollen. Vielleicht bekommt er die Chance doch nochmal oder kann in einem anderen Scheme besser wirken. Das wäre wirklich der allerletzte Strohhalm für ihn und ich rechne da auch nicht mit. Aber wer weiß.


Besten Dank fürs Lesen!