Wagners Zukunft – in Seattle?

Die Seahawks kommen nicht zur Ruhe: Wilson-Vertrag, Clark-Trade, der NFL-Draft und die unklare Zukunft von Doug Baldwin. Doch damit soll es nicht genug sein: nun kehren zumindest zweifelhafte Äußerungen von Bobby Wagner auf.

Mike Morris, Bobby Wagner 2015, CC BY-SA 2.0

Wagner, der vielleicht beste Middle Linebacker der Liga, geht in sein letztes Vertragsjahr. Er verdient für die nächste Saison rund 14 Mio. $ und ist nach der Saison ein unrestricted Free Agent.

Wagners letzte Saison in Seattle? 

Genug Cap-Space, Wagner als Herz der Defense, die Vertragsverlängerung von Wilson unter Dach und Fach gebracht und Frank Clark getradet. Alles deutet darauf hin, dass nun der Weg für eine Verlängerung von Wagner frei sei. Verwundern dürfte dann folgende Aussage von Wagner gegenüber dem NFL Network:

„Ich würde gerne als Seahawks zurücktreten, aber ich verstehe das dies ein Business ist. Ich bereite mich vor als wäre es mein letztes Jahr als Seahawk. Sollte es so sein will ich sicher sein, dass ich mit einem Knall gehe und der Stadt etwas zum Erinnern hinterlasse.“

Wagners Agent: Bobby Wagner

Die Besonderheit zu den aktuell laufenden Vertragsverhandlungen: Bobby Wagner vertritt sich selbst, hat keinen Agenten. Ein Vorgehen, welches sich schon bei Verhandlungen mit Richard Sherman als merkwürdig und kompliziert darstellte. Zur Erinnerung: Sherman wurde von den Seahawks letztes Jahr entlassen und handelte mit den San Francisco 49ers einen Vertrag aus, mit dem er auf sich selbst wettete, dementsprechend viele Boni waren im Vertrag enthalten, das Grundgehalt war für seine Verhältnisse eher bescheiden ausgefallen. Und es kam wie es kommen musste: Sherman verpasste letztes Jahr zwei Spiele (90% Spielzeit – nicht erreicht – -1 Mio.), schaffte es nicht in den Pro Bowl (-1 Mio.), wurde dementsprechend auch kein All Pro (-2 Mio.), was dazu führte, dass er weniger verdiente. Dazu kommt: Sherman kann dieses Jahr für einen Dead Cap von 2 Mio. $, 2020 für einen Dead Cap von 1 Mio. $ entlassen werden, so dass man sagen kann, dass zwei der drei Jahre eher eine Teamoption auf Sherman sind.

John Schneider äußerte sich auch schon zu den Verhandlungen mit Wagner, die er ohne Agenten als etwas schwieriger beschrieb. Manche Dinge müssten in aller Härte kommuniziert werden. Dort würde ein Agent als Schnittstelle zwischen Front Office und Spieler guttun. Schneider sagte außerdem im Vorfeld des Drafts, dass es eine große Herausforderung wäre, Wilson, Clark und Wagner zu halten, sie aber alles daransetzen würden, alle drei Spieler langfristig zu halten. Wie wir heute wissen wurde Clark zu den Kansas City Chiefs getradet. Dies sollte das Halten von Wagner deutlich erleichtern.

Weiche über harte Faktoren?

Ein weiteres Argument für eine Verlängerung von Wagner lieferten die Seahawks diese Off-Season selber: Sie verlängerten mit Linebacker-Kollege und Wagners bestem Freund K.J. Wright für zwei Jahre, 14 Mio. $. Wagner äußerte sich dazu sehr positiv über die Verlängerung. Und rührte im Vorfeld der Verhandlungen die Werbetrommel für seinen Freund und baute zunehmende Druck auf das Front Office auf. Mit Erfolg, wie man entnehmen konnte.

Eine tiefe LB-Gruppe – Vorbereitung auf einen Abgang?

Stutzig werden konnte man als Fan beim Draft selbst. Die Seahawks drafteten mit Cody Barton und Ben Burr-Kirven zwei Linebacker. Dazu verlängerten sie mit Mychal Kendricks, bei dem noch nicht klar ist, ob er nächstes Jahr verfügbar ist: seine Gerichtsverhandlung aufgrund von Insider-Handels ist weiterhin ausstehend. Ihm droht sogar eine Gefängnisstrafe, auch wenn ich dies für eher unwahrscheinlich halte.

Im Roster der Seahawks stehen insgesamt zehn Linebacker. Eine große Anzahl dafür, dass man letztes Jahr zumeist mit zwei Linebackern auf dem Feld stand, oft eine Nickel-Defense gespielt hat oder spielen musste. Betrachtet man die Situation in der Linebacker-Gruppe jedoch genauer lichtet sich das Feld dann doch recht schnell.

Wright verpasste letztes Jahr den Großteil der Saison, spielte nur fünf Spieler in der Regular Season und das Play-Off Spiel gegen Dallas. Hier machte ihm eine langwierige Knie-Verletzung zu schaffen. Er bekam, wie beschrieben, einen neuen Vertrag. Sollte er diese Saison verletzungsbedingt erneut viele Spiele verpassen ist er in der darauffolgenden Saison auch ein Kandidat für eine vorzeitige Entlassung, der Vertrag ist dahin gehend strukturiert.

Kendricks Status ist wie beschrieben noch unklar, auch wenn es etwas wahrscheinlicher ist, dass der verfügbar ist. Hier wird man im Laufe der Off-Season Klarheit bekommen.

Barkevious Mingo spielte eine durchschnittliche Saison, auch wenn er sehr athletisch ist. Mingo ist ein potenzieller Cut-Kandidat, verfügt er über einen niedrigen Dead Cap von 1,1 Mio. $ und würde eine Einsparung von 4,2 Mio. $ bringen.

Austin Calitro bekleidete sowohl in der Defense als auch in Special Team eine Rolle des Back-Ups.

Cody Barton und Ben Burr-Kirven sind Rookies. Hier wird man sehen müssen, welche Position sie im Team schlussendlich haben. Da im Anschluss des Drafts davon gesprochen wurde, dass Tiefe im Kader und auch die Special Teams adressiert werden sollten ist es durchaus denkbar, dass beide erstmal einen Großteil ihrer Snaps in Special Teams bekommen werden.

Shaquem Griffin spielte 41 seiner 50 Snaps in der Defense im ersten Spiel gegen die Denver Broncos. Dort wirkte er noch sehr roh, überfordert mit dem Spiel und dem Speed in der NFL. Dafür spielte vor allem im Punt Team als Personal Protector für Michael Dickson. Carroll sagte, dass man Griffin im nächsten Jahr mehr und anders einsetzen will. Denkbar ist dort eine Hybrid-Rolle, in der er auch im Pass Rush eingesetzt und genutzt wird. Und sowohl Carroll als auch Ken Norton Jr. äußerten sich wohlwollend über die gute Entwicklung, die Griffin in diesem Jahr genommen hat.

Emmanuel Ellerbee und Justin Currie sind die zwei verbleibenden Linebacker in der Gruppe. Ellerbee hatte eine kleine Rolle in den Special Teams und gehörte in vielen Spieler nicht mal zum 46-Mann Kader. Über Justin Currie gibt es keine Aufzeichnungen oder Statistiken.

Somit ergibt sich für mich folgende Einteilung der Linebacker-Gruppe:

StarterWagnerWrightKendricks
Back-UpsMingoCalitro
Special TeamsGriffinBartonBurr-Kirven

Nach diesem LB-Depth Chart komme ich zu folgender Einschätzung:

Die LB-Gruppe ist nicht so tief, wie man meinen könnte und meiner Ansicht nach ist man eher auf alle Eventualitäten vorbereitet. Sollte Kendricks wider Erwarten nicht spielen können oder Wright erneut viel ausfallen. Dazu ist man noch im Cap flexibel, wenn man beispielsweise Mingo entlässt. Und Burr-Kirven, Barton und Griffin spielen alle noch unter ihren günstigen Rookie-Verträgen.

Außerdem äußerte sich Carroll schon 2016 so, dass sie jüngere Spieler auf LB benötigen, um Wagner und Wright zu entlasten. 2017 wurde kein Linebacker dazu geholt, 2018 nur Griffin, der auch nicht als klassischer Linebacker gilt. Und Kendricks wurde nur verpflichtet, da Wright verletzt ausfiel.

Nun hat man im Bestfall Wagner, Wright und Kendricks zur Verfügung. Und könnte vor allem Wagner diese Saison entlasten: er spielte in der Defense jeden Snap der Saison!

Verhandlungstaktik, nüchterner Blick auf die Vertragsverhandlungen oder Vorahnung?

Ich denke nicht, dass die Seahawks Wagner gehen lassen werden und lege mich gerne auch voreilig darauf fest, dass die Verlängerung mit Wagner nur eine Frage der Zeit ist.

Der neue Vertrag für Wagner wird sehr teuer werden. Die Free Agency hat auf der LB-Position neue Maßstäbe gesetzt: C.J. Mosley unterschrieb für durchschnittlich 17 Mio. $. Kwon Alexander schaffte es immerhin noch einen Vertrag für rund 13,5 Mio. $ zu unterschreiben.

Was aber gerne vergessen wird: Wagner ist für die Saison 2019 mit einem Cap Hit von 14 Mio. $ noch immer der teuerste LB der Liga. Und nimmt man dies als Grundlage für den Vergleich mit C.J. Mosley ist der Unterschied zwischen den beiden LB rein gehaltsmäßig nicht mehr so groß wie man annehmen könnte.

Die Situation hätte sich grundlegend verändert, hätte man Frank Clark mit einem sehr teuren und langfristigen Vertrag ausgestattet. Dies passierte jedoch wie man weiß nicht und der Cap sollte trotz des Wilson-Deals ein eher untergeordnetes Problem darstellen.

Wagner ist der Leader der Defensive, Wilson der Leader der Offensive und für mich hat sich diese Rollenverteilung herauskristallisiert. Nicht erst seit den Abgängen von Bennett und Sherman, spätestens aber nachdem auch keinerlei Anstrengungen unternommen wurde, Earl Thomas in Seattle zu halten.

Für mich gibt es auch keinerlei Anlass an dieser Hierarchie zu zweifeln. Wagner war auch letztes Jahr wieder der Spieler, der er schon seine ganze Karriere war. Und er gibt auch keine Gründe, an seiner zukünftigen Leistungsfähigkeit zu zweifeln.

Sollten die Verhandlungen, aus welchen Gründen auch immer, scheitern könnten die Seahawks auch den Franchise Tag im kommenden Jahr für Wagner nutzen.

Soweit wird es aber nicht kommen. Bobby Wagner wird in Seattle bleiben.

 

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